Oberflächlich und unergiebig
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Hitlers religiöse Vorstellungen erfreuen sich gegenwärtig besonderer Aufmerksamkeit. In den letzten Jahren scheinen sie das Thema einer größeren Zahl von Abhandlungen gewesen zu sein als jeder andere Aspekt der Weltanschauung des Diktators. Nach den Arbeiten von Claus-Ekkehard Bärsch (Die politische Religion des Nationalsozialismus, München 1998), Michael Rißmann (Hitlers Gott, Zürich 2001), Richard Steigmann-Gall (The Holy Reich: Nazi Conceptions of Christianity 1919-1945, Cambridge 2003), Michael Hesemann (Hitlers Religion, München 2004), David Redles (Hitler's Millenial Reich: Apocalyptic Belief and the Search for Salvation, New York 2005), Anton Grabner-Haider und Peter Strasser (Hitlers mythische Religion, Wien/Köln/Weimar 2007) sowie Thomas Schirrmacher (Hitlers Kriegsreligion, Bonn 2007) kann es keinen Zweifel mehr geben, dass Hitler sich für gläubig hielt und die Begriffe "Gott" und "Vorsehung" häufig verwendete.

Rainer Bucher, ein Grazer Professor für Pastoraltheologie, glaubt die Ergebnisse seiner Vorgänger nun in wesentlichen Punkten ergänzen zu können. Buchers Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Hitler über einen klaren theologischen Entwurf verfügte, im Sinne einer "Rede von Gott mit individueller Relevanzoption, mit persönlichem Konsequenzpotential, auch bis hin zur Rede zu Gott, also dem Gebet" (S. 34). Dieser Entwurf sei im Wesentlichen selbständig, denn Hitler habe die christliche Glaubenslehre als unwissenschaftlich abgelehnt und die Religiosität völkischer Kreise nie ernst genommen. "Hitler verwirft von Anfang an ausdrücklich, kontinuierlich und unzweideutig die völkische Religiosität. Sie ist untauglich für sein nationalsozialistisches Gesellschaftsprojekt" (S. 61).

Dennoch hätten theologische Überzeugungen im Zentrum seiner Weltanschauung gestanden. Hitlers politisches Wirken sei "konstitutiv eingewoben in einen sehr spezifischen theologischen Diskurs. Ohne diesen Diskurs dürfte es nicht vollständig begreifbar sein" (S. 109). "Jede Beschäftigung mit Hitler ohne Analyse seiner Theologie übersieht einen wichtigen, vielleicht den letzten Motivations- und Begründungshorizont seines nationalsozialistischen Projekts" (S. 111).

Den Beleg für diese These will Bucher erbringen, indem er zeigt, dass Hitlers Theologie von entscheidender Bedeutung für die Legitimation seiner Hauptziele war. Diese hätten, darüber sei sich die zeitgeschichtliche Forschung seit längerem einig, in der Eroberung von Lebensraum und der physischen Vernichtung des Judentums bestanden (S. 111). Wie Hitler beides begründete, habe man bisher allerdings nicht hinreichend klären können. Gerade hier, so meint Bucher, werde sein theologischer Ansatz Früchte tragen. Er könne nämlich zeigen, dass Hitler die Welteroberung und den Judenmord anstrebte, weil er überzeugt war, einen göttlichen Auftrag dafür erhalten zu haben. "Hitler ist, so glaubt er, persönlich von der Vorsehung erwählt, ein göttliches Schöpfungsgesetz wiederherzustellen" (S. 88). Nur diese Überzeugung könne verständlich machen, warum der Diktator die Ermordung der Juden selbst dann fortsetzte, als sein eigener Untergang absehbar war und es näher gelegen hätte, die letzten Ressourcen des Reiches für den Krieg aufzuwenden (S. 28; 111).

Zweifellos ist Bucher mit den Reden und Schriften Hitlers wohlvertraut. Seine Abhandlung strotzt geradezu vor Zitaten. Umso mehr fällt ins Gewicht, dass er gerade seine entscheidenden Thesen nicht untermauern kann. Es ist ihm schlichtweg nicht gelungen, eine Aussage Hitlers zu finden, in der von einem göttlichen Auftrag zur Welteroberung die Rede ist. Auch die Eroberung von Lebensraum und selbst einzelne Feldzüge scheint der Diktator nie mit der Berufung auf Gott legitimiert zu haben.

Nicht besser steht es mit der "Endlösung". Nirgends hat Bucher eine Quelle ermitteln können, in der Hitler die Ermordung der Juden aus dem Willen Gottes ableitet. Zwar fällt in "Mein Kampf" der ominöse Satz: "Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn", doch ist hier eben von "erwehren", nicht von "vernichten" oder "töten" die Rede und erst recht nicht von einem göttlichen Auftrag dazu. Die zwei anderen von Bucher in diesem Zusammenhang herangezogenen Texte, die Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 und die Bormann-Diktate von 1945, sind noch unergiebiger. In beiden wird der Judenmord nicht mit dem Willen Gottes, sondern mit der angeblichen Verantwortung der Juden für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Verbindung gebracht.

Anders als Bucher unterstellt, hatte Hitler auch keinerlei Veranlassung, seine Weltanschauung theologisch abzustützen, da er überzeugt war, ihr ein solides wissenschaftliches Fundament gegeben zu haben. So vage und unverbindlich seine Bemerkungen über Gott waren, so konkret ließ sich der Mann aus Braunau über das in seinen Augen wissenschaftlich erwiesene Gesetz des "ewigen" Kampfes aller Lebewesen ums Dasein und das unheilvolle Wirken des "internationalen Finanzjudentums" aus. Die weltanschauliche Begründung, die Bucher vergeblich in Hitlers "Theologie" sucht, wäre mühelos in seinem Sozialdarwinismus und dem Glauben an eine jüdische Weltverschwörung zu finden gewesen. Indem er beides ignoriert, hat der Grazer Professor seine Studie in den wesentlichen Punkten an den Quellen vorbei geschrieben.

Über seiner Suche nach der theologischen Legitimation von Hitlers Hauptzielen hat Bucher leider eine viel nützlichere Aufgabe vernachlässigt. Er verzichtet fast ganz darauf, Licht in die religiöse Vorstellungswelt des Diktators zu bringen. Glaubte Hitler an einen persönlichen Gott oder war er, wie manche Formulierungen nahelegen, ein Pantheist, der mit dem Ausdruck "Gott" nur die Natur und ihre Gesetze meinte? Wie verstand Hitler die "Vorsehung". Stellte sie einen willkürlichen Eingriff Gottes in die Geschichte dar oder funktionierte sie nach vorgegebenen Regeln, die es ermöglichten, sich ihre Hilfe zu "verdienen"? Glaubte Hitler an ein Leben nach dem Tode? Wie beurteilte er nichtchristliche Religionen? Zum größten Teil werden diese Fragen von Bucher nicht einmal berührt, geschweige denn beantwortet.

Eine weitere Schwäche der Abhandlung ist ihr Umgang mit der Sekundärliteratur. Anders als von Bucher suggeriert, ist die historische Forschung keineswegs übereingekommen, dass Hitler seit den zwanziger Jahren die Ermordung der Juden beabsichtigte. Nicht wenige Autoren vermuten, die Entscheidung zu diesem Schritt sei erst während des Krieges erfolgt.

Außerdem ist die Eroberung von Lebensraum nicht, wie Bucher über weite Strecken unterstellt, mit der Erringung der Weltherrschaft gleichzusetzen. Die Auffassung, Hitler habe letzteres angestrebt, wird längst nicht von allen Historikern geteilt. Eberhard Jäckel, einer der Gewährsmänner Buchers, stellt ausdrücklich fest, die Weltherrschaft habe nicht zu den außenpolitischen Zielen des Diktators gehört. "Das Streben nach Weltherrschaft war weit mehr eine theoretische Folgerung als eine in absehbarer Zeit zu verwirklichende praktische Forderung" (E. Jäckel, Hitlers Weltanschauung. Stuttgart 1981, S. 103).

Methodisch schwach und inhaltlich enttäuschend, ist dieses Buch leider keine Bereicherung der zeitgeschichtlichen Literatur. Wer sich zuverlässig über Hitlers Glauben informieren möchte, wird nach wie vor zu der viel solideren Darstellung Michael Rißmanns greifen müssen.
Eine Rezension von Valer Ambrus > Deutschland
vom 2. September 2008
Kundenrezensionen:
3. Rainer Buchers Buch über Hitlers Theologie"
2. Oberflächlich und unergiebig (die aktuell angezeigte Rezension)
1. Irritierend - erschreckend - sehr empfehlenswert
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